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Friedländers Begriff der Menschlichkeit

Die Axiome der Menschlichkeit.

 Zur gelebten Philosophie Margot Friedländers

Von Dr. Ulrich Müller

 Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen. Seid vernünftig. (Margot Friedländer)

Der Satz „Seid Menschen!“ aus Margot Friedländers Mund, tausendfach an junge Menschen in Schulen gerichtet, ist natürlich als starker moralischer Appell gemeint. Er klingt ja auch so einleuchtend und geradezu selbstverständlich. Gemeint ist damit ganz offensichtlich nicht: Seid freundlich, lieb und nett zueinander! Das können und das müssen wir nicht immer sein. Doch wozu genau werden wir dann unbedingt aufgefordert? Dies lässt sich überraschenderweise gar nicht mehr so einfach und klar sagen. Denn, wie wir wissen, können Menschen vieles sein: grausame Monster, kalte Egoisten, gleichgültige Idiotinnen genauso wie hilfsbereite Gutmenschen, achtsame Altruisten oder sogar Heldinnen der Humanität. Die meisten von uns sind wohl irgendwo zwischen diesen Extremen angesiedelt. Und dennoch hätte etwa der Philosoph Theodor W. Adorno, ebenso wie Friedländer von den Nazis vertrieben und ebenso wie sie aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt, um Menschen hier aufzuklären, ihren Appell für begründungsresistent, ja geradezu selbsterklärend, gehalten:  

„Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen.“ Oder im Volkston verkürzt: „Nie wieder ist jetzt!“

Lassen wir hier einmal außer Acht, dass „Menschen im Stande ihrer Unfreiheit“, wie Adorno übertreibend sagt, keinerlei Imperativ Folge leisten und auch ihr Leben gar nicht selbstbestimmt „einrichten“ könnten. Für einen allgemein gültigen Imperativ reicht es aber auch nicht aus, auf einen einzelnen Namen, sei es ein Ort, ein Ereignis oder ein Geschehen und unbestimmt „Ähnliches“, ausgerichtet zu sein: Der Genozid an den Tutsi in Ruanda ist Auschwitz vielleicht hinreichend ähnlich, möglicherweise auch noch das Massaker von Srebenica, aber fällt unter Adornos Imperativ gleichermaßen das Vorgehen der Alliierten am D-Day und das systematische Töten der Hamas durch die israelische Armee? Und was genau verbindet und unterscheidet solches Handeln?

Friedländer selbst gibt uns da in ihren zahlreichen Gesprächen und Interviews nun durchaus konstruktive Hinweise zu einem allgemeinen Begriff von Menschlichkeit, der die angemahnten Mängel vermeidet. Mit diesem von ihr mehr gelebten als erdachten Konzept, das philosophisch gleichwohl ernst zu nehmen ist, möchte ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, liebe Freundin und lieber Freund des Margot-Friedländer-Gymnasiums, im Folgenden bekannt machen. 

 

1. Keine Diskriminierungen zulassen!

Ich beginne mit dem wohl wichtigsten, weil leider immer noch und erschreckend auch schon wieder aktuellen Thema. So antwortet unsere Namen-Geberin auf die ihr gestellte Frage, was denn das Nötigste wäre, das gegen den neu sich ausbreitenden Antisemitismus in Deutschland und anderswo zu tun ist: „Man sollte viel mehr in Schulen darüber sprechen, was es bedeutet, sich menschlich zu benehmen. Schon die jungen Kinder verachten Mitschüler, die anders sind als sie.“ Aus dieser Stellungnahme möchte ich sofort ihr erstes Axiom (Grundsatz) der Menschlichkeit ableiten: keinerlei Diskriminierungen zuzulassen, ganz gleich, ob sie aus Gründen der Herkunft, des Geschlechts, der Religion, des Aussehens, der Weltanschauung oder der Lebensweise erfolgen. Hier sieht sie ursächlich immer noch das alte „Gift“ einer nationalsozialistischen Lehrergeneration nachwirken, das erst viel „zu spät“ zu vernichten versucht worden sei. (Zur Erinnerung: Noch 1966 wurde in unserem Land ein ehemaliger Nazi zum Bundeskanzler gewählt!).

 

2. Individualität anerkennen!

Warum nun aber Menschen überhaupt Antisemiten werden, bzw. werden können, gesteht Friedländer, könne sie sich einfach nicht erklären. Stattdessen führt sie als unwiderlegbares Argument gegen diese tausende Jahre alte Tradition die einfache Tatsache an, dass wir doch zumindest in einer Hinsicht „alle gleich sind“: „Wir kommen alle als Individuum zur Welt.“ Durch unsere Geburt besitzen wir formal alle die gleiche Einzigartigkeit, so unterschiedlich diese inhaltlich auch angelegt sein mag. Hannah Arendt spricht hier von „Natalität“, die über das biologische Faktum hinaus die Grundvoraussetzung freien Handeln sei. Und genau dieser anthropologische Universalismus des Individuellen ist es nun auch, den Friedländer sich unausgesprochen zueigen macht. Er gilt kultur- und traditionsübergreifend. Noch einmal zur Erinnerung: Tradition als Wert haben z.B. Gegner unserer Schulnamensänderung immer wieder als Argument für ihre Position angeführt, ohne jedoch auf die spezifische Art der Tradition einzugehen. Ganz anders Friedländer: Immer da, wo eine Tradition gegen die Anerkennung der Individualität von Einzelnen, gegen das Anderssein aller Menschen, verstößt, da muss sie sofort und bedingungslos beendet werden. Hier gilt für sie der strikte Grundsatz „Keine Toleranz für Intoleranz“. Und um ihn durchzusetzen, empfiehlt sie trotz ihrer sonstigen politischen Zurückhaltung in öffentlichen Stellungnahmen durchaus auch: „Das geltende Recht ausschöpfen.“ Aus all dem abgeleitet möchte ich die Achtung von Individualitäten ihr zweites Axiom der Menschlichkeit nennen. 

Friedländer sieht gleichwohl, dass die praktische Durchsetzung dieser beiden grundlegenden Menschlichkeitsaxiome (keine Diskriminierungen zulassen und Individualität anerkennen) viel mehr erfordert als „nur“ Gesetze und erst recht ganz Anderes als politische Sonntagsreden: „Politiker reden viel, aber tun zu wenig. Es wird nicht genug gemacht.“ Dieser Punkt stellt in einer Festschrift natürlich eine grelle Dissonanz dar, nichtsdestoweniger trifft er voll und ganz zu: Unsere Namenspatronin zeigt sich wiederholt skeptisch gegenüber schön klingenden Reden, in denen abgedroschene, aber nichts Genaues aussagende Begriffe wie ‚Respekt‘ oder ‚Wertschätzung‘ den feierlichen Ton bestimmen: „Ich sage es ganz offen: Worte sind schön, aber Taten zählen.“ 

Was für die Menschlichkeit aber auf jeden Fall sofort getan werden kann, und zwar von allen jederzeit und überall, ist nach Friedländer kritisches Nachfragen, vorbehaltloses Äußern eigener Meinungen, gerade auch abweichender, und das Sich-Öffnen für eine gewissermaßen sokratisch-maieutisch (nach Art der „Hebammenkunst“) entfachte Bildung: „Ja! Fragt mehr, seid neugierig. Wir haben doch damals nicht gefragt.“ (Kleine Kinder mit ihren ewigen W-Fragen sind oft bessere Philosoph*innen, als Erwachsene, die für alles eine Antwort haben!) Aus eigener Erfahrung sei allerdings angemerkt: Zur Anregung und Einübung solcher kritischen Offenheit bedarf es geeigneter pädagogischer Unterstützung – vor allem, was die Vermeidung von Klischees und Ressentiments betrifft: „Vorurteile muss man schon in der Kindheit abbauen, das ist auch eine Frage der Erziehung, das muss von den Eltern kommen.“

 

3. Über sich selbst nachdenken!

Fragende Neugier und kritische Bildung sind, jedenfalls nach Friedländer, auch die besten „Verhütungsmittel“ gegen die ideologische Verführbarkeit von Menschen: „Seid vorsichtig. Seid wachsam! Es können Dinge passieren, die man sich nicht vorstellen kann.“ Distanz zu den eigenen Überzeugungen, Infrage-Stellen von Selbstverständlichem, Unvorstellbarem, Nachdenken über das moralisch Richtige, kurz: Selbsterkenntnis ist Friedländers drittes Axiom des Menschlichen. Dieses betrifft nun aber nicht nur die kritische Wachsamkeit gegenüber einer hoffentlich menschlicheren Zukunft, sondern genauso auch gegenüber unserer tatsächlich unmenschlichen Vergangenheit, denn: „Mensch zu sein, heißt nicht, einfach nur zu vergeben.“ Das wäre zu einfach. Schuld und Verfehlungen müssen sorgsam aufgearbeitet und ursächlich ehrlich erkundet werden. Anders ist Vergebung nicht zu rechtfertigen: „Ich versuche zu verstehen. Und um das Gute zu kämpfen.“ Wohlgemerkt in dieser Reihenfolge! Ansonsten wäre ja auch das gängige „Dies darf nie wieder passieren“ nutzlos in den Wind gesprochen. Der populäre Satz, nach dem Zeit die Wunden heilt, mag für die Trauer – Friedländer spricht nie von Hass oder Rache – nach Unglücken oder Schicksalsschlägen gelten, für diejenige über „Nazis und Demokratiefeinde am Brandenburger Tor“ ganz gewiss nicht. Und genau deswegen muss Versöhnung (Friedländers „Ich reiche euch meine Hand“), das wohl schönste Kapitel der Ethik, so lange nur regulative Idee bleiben, bis ihre Voraussetzung, die fachkundige und gutwillige Aufarbeitung begangenen Unrechts, tatsächlich geleistet ist.

An dieser Stelle wird nun auch deutlich, warum es Friedländer so wichtig war, immer wieder unsere individuelle Verantwortung zu betonen und dementsprechend eine Kollektivschuld abzulehnen: „Eine ganz wichtige Sache. Ein jeder von uns hat Verantwortung, ob jung, ob alt.“ Diese Auffassung verbindet sie mit den ethischen Positionen von Kant und Hannah Arendt, teilweise auch Emmanuel Levinas. Allgemeiner gesagt: Eine nicht-deformierte, geradezu kleinkindlich-ursprünglich anmutende, moralische Integrität, zusammen mit einer erwachsen-kritischen Autonomie – dies bezeichnet ziemlich genau die Werthaltung, für die sie mit ihrem langen Leben steht und für die sie immer wieder aktiv eingetreten ist: „Ich will mir ein eigenes Urteil bilden, mich nicht leiten lassen von dem, was andere über die Person erzählen. Natürlich weiß ich auch, dass während der NS-Zeit nicht alle Deutschen Nazis oder Judenhasser waren. Aber viele haben mitgemacht, haben weggeguckt. Oder noch schlimmer: Sie haben geschwiegen.“ Nirgendwo kommt Friedländer dem „Selber denken“ (sapere aude) von Kants Aufklärungsbegriff und seiner Forderung nach öffentlichem Vernunftgebrauch so nahe wie in dieser Aussage. Für einen moralisch angemessenen Umgang mit unserer schuldbeladenen Vergangenheit folgt daraus nun allerdings auch die Verpflichtung zu kritischer Differenzierung statt nur pauschaler Verurteilung. Elisa Kazak sagt es treffend so: Das Menschliche „besteht nicht in moralischer Unfehlbarkeit, sondern in der Fähigkeit, mit Schuld zu leben, ohne sie zu verdrängen.“

Einerseits geht es Friedländer zukunftsgewandt genau darum, die weit verbreitete Meinung, das Unvorstellbare von Auschwitz könne sich unmöglich wiederholen, als vorschnell, naiv und selbstgerecht, bzw. ideologisch, zu kritisieren und im Gegenteil darauf zu bestehen: „versteht, dass so etwas wieder passieren kann. Ich hoffe für Euch, dass Ihr das versteht.“ Die Geschichte hat ihr leider recht gegeben. Desto wichtiger ist es nun für uns, die Möglichkeit des menschlichen Bösen jeden Tag weiterhin aufmerksam im Blick zu behalten, um ihr rechtzeitig und wirkungsvoll begegnen zu können. Wer oder was hilft uns dabei? Ihre Überzeugung und zugleich ihr Rat lautet so: „Es muss ein Bewusstsein geben. Ich versuche, viel Zeitung zu lesen, höre mir an, welche Partei was plant.“ Und aus Sorge wegen der AfD fügt sie mahnend hinzu: „Es ist so wichtig, die Demokratie zu schützen.“ Kritisches Bewusstsein und politische Bildung sind also unbedingt notwendige, wenn auch noch nicht hinreichende, Schutzschilder gegen Entmenschlichungen jeder Art.

Andererseits, und dies wird viele überraschen, vertritt unsere Namengeberin trotz ihrer Besorgnis und Enttäuschung über den Geschichtsverlauf nach Auschwitz immer noch ein durchaus positives Menschenbild: „Ich bin Optimistin aus dem Herzen, ich glaube an das Gute im Menschen.“ An anderer Stelle: „In jedem Menschen gibt es etwas Gutes, darauf soll man sich konzentrieren.“ Und noch deutlicher: „Ich bin so enttäuscht von der Geschichte. […] Aber die Hoffnung, die geben wir ja nicht auf, die ist doch wichtig.“ Diese ambivalente Haltung teilt sie mit Holocaust-Überlebenden wie Viktor Frankl oder Primo Levi, unterscheidet sie allerdings auch vom Auschwitz-Überlebenden Jean Améry und dem jüdischen Religionsphilosophen Emil Fackenheim. Wie auch immer, wir müssen uns hier eben stets bewusst machen: Mensch sein bedeutet für Friedländer immer schon moralisch sein, dieses ist in jenem apriori, d.h. unabhängig von Erfahrung, impliziert: „Ihr braucht zu viele Worte dafür [für den Antisemitismus, U.M.] – braucht weniger Worte. […] Wenn ihr Menschen seid, dann werdet ihr wissen, dass ein Mensch so was [gemeint sind Verletzungen der Axiome des Menschlichen, U.M.] nicht machen würde.“ Jeder verbale Erklärungsversuch für antisemitisches Verhalten erübrigt sich ihr zufolge allein schon durch die praktische Selbstverwirklichung von Menschen als Menschen, die so etwas von vornherein weder tun noch unterstützen können. Und wenn doch, so erweisen diese sich eben dadurch als Unmenschen, wenn auch nicht im biologischen, so doch im von ihr gemeinten moralischen Sinn. Für Kenner der philosophischen Tradition klingt in ihren Worten zudem ein moralischer Intellektualismus à la Sokrates an: Wer als Mensch weiß, was gut und richtig ist, der handelt auch danach.

Eine plausible Erklärung für ihr überwiegend optimistisches Menschenbild gibt uns nun Friedländers folgende Überlegung: „Wenn nicht diese vielen Menschen gejubelt und die Nazis es nicht so gut verstanden hätten, die Menschen so aufzuwühlen und zu begeistern, wäre das nicht möglich gewesen. Man wird doch nicht schlecht geboren. Als Babys sind wir kleine, unscheinbare, individuelle Dingerchen, und wenn wir schlecht werden, muss das durch äußere Einflüsse sein. Die Nazis haben die Demokratie kaputt gemacht. Man wurde eingeschüchtert, verhetzt, konnte nicht sagen, was man wollte.“ Ihre Theorie, das Böse sei nicht genetisch angelegt, sondern gelange durch außenweltliche Faktoren wie Macht, Geld, Ansehen und Verführung durch Propaganda in die Menschen, wird durch neuere anthropologische Untersuchungen mit Kleinkindern, u.a. von Michael Tomasello, voll bestätigt. Denn sie zeigen eindrucksvoll, dass Hilfsbereitschaft und ein elementares Gerechtigkeitsgefühl angeboren sind, aber eben auch sehr leicht von außen, z.B. durch Belohnungen, korrumpiert werden können. Kurz gesagt, Friedländer vertritt hier die Position eines gemäßigten Rousseauismus: Der Aufklärer Rousseau geht davon aus, dass Menschen von Natur aus gut sind und erst durch soziale Faktoren wie Eigentum oder Ruhm unmoralisch werden. „Gemäßigt“ sage ich deshalb, weil unsere Namenspatronin nicht wie Rousseau von einem konstruierten Urzustand der Menschheit, sondern nur vom ontogenetischen Anfangszustand der Individuen ausgeht. 

Der hergeleitete Bezug zu den philosophischen Lehren von Sokrates, Rousseau und Kant verdeutlicht das Grundvertrauen, das Friedländer trotz ihrer Holocaust-Erfahrung noch in Vernunft, moralische Einsicht und Selbstbestimmung als Mittel eines aufgeklärt freien und gewaltlos gerechten Zusammenlebens setzt. Ihre bekannte biologische Metapher, es gebe „kein christliches, jüdisches oder muslimisches“ […], sondern „nur menschliches Blut“ veranschaulicht genau das von der Aufklärung verfochtene, von den Nazis mit Füßen getretene, gleiche Selbstbestimmungsrecht von Menschen. „Würde“ ist dafür der wohl geläufigere, aber auch weniger klare Ausdruck.

 

4. Selbstbestimmt leben!

Schließlich erkennt unsere Namenspatronin in der oben zitierten Passage auch noch einen empirischen Hauptgrund für das Entstehen des Bösen, und das ist die Zerstörung von Demokratie und Meinungsfreiheit. Beides ist zwar nicht identisch, hängt aber notwendig miteinander zusammen. Und daraus folgt nun im Umkehrschluss: Zumindest dann, wenn Demokratie nicht nur methodisch verstanden und auf eine Mehrheitsbeschaffungsmaßnahme reduziert, sondern wenn sie von vornherein und in erster Linie als normative Verteidigung grundlegender Freiheitsrechte im Sinne der ersten Generation von Menschenrechten verstanden wird – und so ist es ja auch in den Anfangsartikeln des deutschen Grundgesetzes vorgesehen – kann sie das Böse eindämmen und das Gute zur Geltung bringen. Daher nenne ich menschenrechtliche Selbstbestimmung das vierte Axiom der Menschlichkeit nach Friedländer. 

Der daraus folgende Orientierungsgrundsatz („Lebe selbstbestimmt!“) passt nun auch gut zu demjenigen, den sie von ihrer Mutter übernommen hat, nachdem sie sie zum letzten Mal gesehen hat: „Versuche, dein Leben zu machen!“ Ich fühle mich da an Kants Wahlspruch der Aufklärung erinnert: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Mit dem wichtigen Unterschied, dass die vom Philosophen geforderte Selbstständigkeit im Denken und Handeln für Friedländer unter extrem schwierigen Bedingungen verwirklicht werden musste. Dass sie es dennoch immer wieder versucht und auch geschafft hat, durch dunkle Zeiten hindurch unermüdlich nach dem Licht der Aufklärung zu streben, dies verdient unsere größte Bewunderung und dankbare Anerkennung – aber nicht etwa nur, um ihrer Person zu huldigen, sondern vielmehr um die herausgestellten Axiome ihrer gelebten Menschlichkeit unsererseits zu leben.

 

5. Schluss

Fassen wir zusammen: Ein selbstbestimmt-reflektiertes Leben, das ohne Diskriminierungen auskommt und die Individualität aller Mitmenschen toleriert – das ist der Kern dessen, was Margot Friedländers gelebte „Mission“ der Menschlichkeit in die Waagschale des philosophischen Diskurses zu werfen hat: nicht gerade wenig und angesichts des neuen Faschismus auch höchst aktuell!